Donnerstag, 10. Dezember 2009

Philosophie aus dem Narrenturm

„Ich werde das Thema meiner Diplomarbeit ändern.“ nuschelte ich. Da saßen wir also im Schneidersitz auf weichem Kunststoffbelag. Es erinnerte mich von der Festigkeit her irgendwie an die Turnmatten aus der Schulzeit. Farblich war es aber weit entfernt von dem unaufgeregten, blasstürkisen Turnmattengrün. Alles war in steriles Weiß getaucht und grelles, kaltweißes Neonlicht schweißte uns tiefe Furchen ins Bewusstsein.
Die weißen Zwangsjacken in denen wir drinsteckten erinnerten an Judojacken mit Überarmlängen die am Rücken zusammengebunden waren. Natürlich waren es aber keine Judojacken. Für alles gab es bereits einen Markt und bei unserer Einkleidung konnten wir aus acht verschiedenen Modellen wählen. Da war selbst Inge baff und konnte sich lange nicht entscheiden. Britta meinte nur, ob wir schon völlig irre wären – da alle Jacken exakt auf die Naht identisch wären. Ihrer Meinung nach gab es nur eine Jacke. Die Wahrheit lag bekanntlich in der Mitte und so nahm ich einfach die nächstbeste Jacke. Ob es wirklich verschiedene Modelle waren konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Da waren so viele Finessen auf den Jacken zu finden und Inge glaubte unseren Betreuern jedes Wort. Sie bewegte sich im Einkleidebereich wie in einer Boutique. Na gut, Inge war schon immer etwas seltsam und eitel und wollte mir selbst in einer Zwangsjacke gefallen.

Man setzte uns in der Zelle in eine Dreiecksposition. Britta saß gleich neben der Türe, die wie alles andere auch gut und weich gepolstert war. Inge saß auf gleicher Wandlinie im anderen Eck. Ich saß den zweien in der Mitte genau gegenüber und hatte sozusagen eine Wand für mich alleine.

„Und was wird dein neues Thema sein?“ fragte Inge.

„Ich will´s nicht wissen! Ich will es um Himmelswillen nicht wissen! Er soll sein Thema für sich behalten, mich interessiert gar nix mehr von diesen Deppen – nix, nix, nix.“ Britta schäumte förmlich. Ihre Wut konzentrierte sich ausschließlich auf meine Person, obwohl sie ja rechtzeitig weglaufen hätte können. Inge war für sie sowieso unantastbar, da sie noch kein einziges Schachspiel gegen sie gewinnen konnte und für sie eine Art Ikone der Revolution war, eine Jeanne d’Arc des Freesets.

„Mich nervt die Britta schon ein wenig mit ihrem behinderten Gehabe, kannst Du das nicht irgendwie abstellen bei ihr?“

„Wieso bist du denn nicht einfach rechtzeitig weggelaufen?“ fragte Inge.

„Ich hab die Bullen zu spät gesehen, er stand ja im Bild, die kamen ja genau hinter seinem Rücken angekrabbelt. Wieso hast du diesen Deppen nicht einfach daheim bei seiner Diplomarbeit lassen können? Jetzt ändert er auch noch sein Thema wegen dir.“

„Du änderst dein Thema wegen mir, Fred?“ staunte Inge zu mir rüber.

„Ja was sich diese Behinderte eben so zusammenspinnt, wieso sollte ich das Thema wegen dir ändern?“

„Nenn mich nicht Behinderte du vertrottelter Sauprolo, du Schneckendepp du blöder.“ brüllte Britta, spuckte dabei, hüpfte im Schneidersitz herum und riß in ihrer Zwangsjacke herum, als ob sie sich in Befreiungskunst üben wolle. Dann passierte es. Sie fiel links über auf die Seite und lag nun mit dem Gesicht auf der Matte. Damit verschwand Inge aus ihrem Blickfeld und sie konnte mich nun aus einer quasi Froschperspektive betrachten. Mir war das schrecklich unangenehm und rechnete mit dem Schlimmsten.

„Die rappelt sich schon wieder in den Schneidersitz, keine Panik Fred! Sie ist nicht so ungelenkig wie sie aussieht.“

„Was soll das nun wieder heißen Inge? Spinnst du? Ich bin tausendmal sportlicher als du.“

„Aber nicht im Schach, Liebste.“ Britta verstummte für eine Weile und blieb liegen. Ich war sicher, sie würde nur Kraft sammeln um sich dann mit einem Satz wieder zurück in den Schneidersitz zu befördern. Ich beschloss, nichts mehr über meine Diplomarbeit zu erwähnen um Britta nicht noch weiter in Rage zu bringen.

„Manchmal erstaunst du mich Fred, manchmal bist du mir nur noch ein Rätsel.“ grinste Inge.

„Du kapierst es nicht, oder? Es hat nicht das Geringste mit dir zu tun!“

„Aber das sagen sie doch immer alle.“ antwortete Inge und grinste weiter.

Ja es war nicht leicht mit Inge und Britta. Trotzdem war ich froh, dass wir Zwangsjacken anhatten. Nicht auszudenken, was alles passieren hätte können. Britta gelang es schließlich nach einigen Anläufen und unter enormen Anstrengungen sich wieder in die alte Position des Schneidersitzes zu befördern. Dann referierte sie uns, was für eine Heldin sie doch sei, dass sie hier mit uns diese Nummer schiebt und sie werde es nun sein, die ihr Diplomarbeitsthema ändern wird. Britta war Studentin der Kunstgeschichte und ich traute mich nicht zu fragen, ob das was mit uns und der Gummizelle zu tun hatte.

„Hat das was mit uns und der Gummizelle zu tun, dass du nun auch dein Thema änderst?“ Inge war wie üblich nicht auf den Mund gefallen und wollte immer alles genau wissen.

„Wieso sollte das etwas mit dir und dieser Pappnase zu tun haben? Wahrscheinlich wäre es mir auch so eingefallen.“

„Natürlich!“ seufzte ich und sah dabei demonstrativ nach oben, tat ein wenig auf gelangweilt als ich den Blick wieder auf Inge richtete.
„Klar wäre ihr alles auch einfach so eingefallen.“ Inge erwiderte meinen Blick und musste laut lachen.

Inges Lachen war schon immer ansteckender als Tropenfieber und so lachte ich mit. Eine Weile später mündete unser Lachen in einen Lachkrampf, wir konnten nicht mehr aufhören. Schuld dran war Britta, die einfach nicht mitlachen konnte. Jedes Mal wenn Inge oder ich zu Britta rübersahen, die mit stocksteifer, todernster Mine in ihrer Zwangsjacke dasaß und gegen die Wand starrte, begrub uns eine neuerliche Lachwelle. Bauchschmerzen machten sich schon breit, doch ich konnte nicht aufhören.
Nach einer Weile kämpfte auch Inge gegen die Bauchschmerzen an und stöhnte immer wieder ein „Aus jetzt!“ Wir kämpften jetzt gemeinsam, starrten nach oben an die Decke und erfuhren beim ersten Mal Decke anstarren eine bittere Niederlage. Denn selbst die Decke war weich ausgepolstert und aus Gummi. Inge und ich hatten den gleichen Gedanken, exakt zur selben Zeit und brüllten los:

„DIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEE DEEEEEECKE ISSSS AUCH AUS GUUUUUUUUUUUUUUUUMMMI“

Wir brachen beide zur Seite weg und wuzelten uns, zappelten wie unter Elektroschocks und lachten mit zunehmenden Bauchschmerzen. Es wurde ziemlich laut in der Zelle, ein Wärter sah durch éine Luke und man konnte deutlich hören wie er zu seinem Kollegen sagte:

„Sie gehen gerade durch die Eröffnungsphase.“

Das genügte uns. Das war vielleicht der Hammer. Eröffnungsphase, allein das Wort und die gepolsterte Decke schüttelte uns weitere zehn Minuten im Lachkrampf. Bald dominierten uns aber die Bauchschmerzen. Das Lachen wurde sanfter, wir vermieden es zu Britta rüberzusehen, hielten immer wieder die Luft an, schlossen die Augen, versuchten langsam und tief zu atmen. Mit Mühe richteten wir uns wieder in den Schneidersitz zurück. Ich weiß nicht mehr wie lange wir gelacht haben, aber es war eine bedeutende Zeitspanne. Auf den Lachkrampf folgte eine Zeit der Stille, wir waren alle wieder gefasst und brauchten ein Thema.

„Ach komm Britta, verrat uns doch dein neues Diplomarbeitsthema.“ prustete es aus Inge hervor. Sie tat sich noch recht schwer beim sprechen und ihre Augen waren knallrot. Ich musste wieder gegen das Lachen kämpfen. Der Blick von Britta war einfach zu viel. Irgendwie sah sie aus wie eine Ente die im Eis eingefroren war. „Was ist mit deiner Diplomarbeit Inge? Bleibt da alles beim alten? Wie weit bist du schon?“ Inge studierte Philosophie, im 17. Semester - oder 117ten, so genau wußte man das bei ihr nie. Sie war ein klein wenig älter als Britta und ich und studierte Philospohie aber nur gezwungener Maßen, wie sie immer wieder betonte. Eigentlich wollte sie immer schon in der Lippenstiftabteilung beim Gerngross arbeiten, im Foyer – Erdgeschoss. Ein Traum hatte sie in jungen Jahren dazu genötigt, beichtete sie uns einmal. Ok, sie war damals schwer betrunken, als sie uns davon in Kenntnis setzte, aber Tags drauf als wir sie darauf ansprachen, bestätigte sie alles als wahr und richtig. Den Traum selbst verriet sie uns allerdings nie. Im betrunkenen Zustand stammelte sie nur etwas von einem Engel, der ihr diese Mission auferlegte, unter Androhungen schwerster Sanktionen, würde sie etwas anderes studieren.

„Nein, mein Thema bleibt gleich, da ändert sich gar nix.“

„Und willst du uns nicht mal dein Thema verraten, ich finde jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür.“

„Nein Britta, da es sich um eine neue Philosophieströmung, eine völlig neue Denkschule handelt, wäre ich ja schwer verblödet, euch hier nun alles zu erzählen. Damit ihr nach dieser Nacht aus dem Narrenturm rausgeht und meine Idee an der nächsten Ecke für eine Burenwurst verkaufts. Sicher nicht! Gar nix werde ich erzählen.“

„Mensch Inge.“ räumte ich ein.

„Vertraust du uns denn nicht? Erzähl uns eben nur a bissal was.“


Fortsetzung folgt...

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Mittwoch, 09. Dezember 2009

Eine Nacht in der Gummizelle

Die zwei Polizisten waren so richtig vollgesaut. Kein einziges Ei hatte sie verfehlt. An allen Seiten ihrer Uniformen liefen Eidotter runter und von ihrem autoritären Kappen tropfte es in langgezogenen schlatzigen Fäden. Die Gesichter der Beamten waren trotz allem gefasst, man konnte aber keinerlei Anflug von Humor erkennen.

„Der Wurf war ja nicht gerade das Gelbe vom Ei!“ donnerte Inge „Fred, du bist so ein richtig satter Vollidiot, wieso guckst du nicht vorher wie die anderen auch, bevor du schmeißt?“

Passanten umringten uns nun mit freudigen, grinsenden Gesichtern. Hatten sie sich während des Flashmobs noch alle in Sicherheit gebracht, war ihr Interesse jetzt ungebrochen. Ein paar Kinder brüllten vor Lachen und waren kaum noch zu halten.

„Die Papiere bitte!“ erklang es sehr nüchtern und beherrscht. Während wir unsere Ausweise zückten, riefen die Polizisten auch schon Verstärkung. Die 48er wurde ebenfalls gerufen, die Sauerei am Boden zu bereinigen blieb uns also erspart. Teuer wird das alles auf jeden Fall werden, dachte ich noch. Dann stieg mir die Wut auf Inge´s geniale Flahmobidee hoch.

„Wieso hast du mich überhaupt angerufen, ich könnte jetzt schon eine ganze Seite getippt haben.“

„Und wir wären schon längst wieder über alle Berge, wenn du nicht ständig bei allem so langsam wärst.“ konterte Inge.

Britta nickte nur und sah mich an, wie wenn ich schon als Mettwurst im Kühlregal hängen würde. Mitgefangen, mitgehangen dachte ich, aber Ihr Blick traf mich nachhaltig und ich entschied für den restlichen Tag die Pappn zu halten.

Auf der Wache vernahmen uns dann andere Polizeibeamte. Inge fühlte sich berufen, die Backgroundphilosophie dieser Aktion zu erklären. Sie sprach langatmig über Linz 2009, die Kulturhauptstadt und wie wichtig dieses Jahr doch für das ganze Land sei, referierte über Chancen und Perspektiven und sponn dann so richtig ein Rad weg, verteidigte sich mit flehenden Gesten, sprach von Gleichschaltung, Kulturimperialismus und der Notwendigkeit des aktiven Widerstands. Britta saß nur so da und ich vermied jeden Blickkontakt mit ihr.

Das Filmmaterial wurde beschlagnahmt, allerdings konnten wir einen Deal mit den Beamten aushandeln, dass keine weiteren Personen mehr in die Strafsache miteinbezogen wurden. Eine Nacht mussten wir zu dritt in einer Gummizelle verbringen – als Untersuchungshaft sozusagen. Es verringerte aber auch den Betrag der Verwaltungsstrafe erheblich, informierten uns die Beamten. Die war aber auch noch mit Gummizelle geschmalzen. Natürlich wurde die Geldstrafe später unter allen Beteiligten des Flashmobs aufgeteilt. Im Nachhinein und aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, die Nacht mit Inge und Britta in der Gummizelle möchte ich nie missen und wird mir immer ein phantastisches Highlight bleiben. Diese Nacht entschädigte mich für alle bisherigen Verwaltungsstrafen. Aber lassen Sie sich berichten, was in jener Nacht geschah.


Fortsetzung folgt…

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Dienstag, 08. Dezember 2009

Mitgefangen - Mitgehangen

Da standen sie also, mitten auf der Kärntnerstraße. Ich sah Inge schon von weiten mit ihrer neongelben Zipfelmütze und ihren Pop Rocky Schuhen. Mit ihr standen noch drei weitere Gestalten herum, die sich bei der Begrüßung als Britta, Sven und Klaus vorstellten - Schachklubfreunde von Inge. Nach ihren theoretischen Ausführungen am Telefon über Flashmobs, erwartete ich mir aber eine entschieden größere Gruppe. „Kommen noch mehr?“ fragte ich dann in die Runde. „Klar doch, wirst schon sehen wie das funktioniert – wir können uns ja nicht schon stundenlang vorher in der Gruppe definieren, das wäre ja sonst eine öffentliche Versammlung, ein Menschenauflauf und so – ein Flashmob funktioniert ja ganz anders, wart´s einfach ab.“ Naja dachte ich so bei mir, Inges Wort in Gottes Ohr. Klaus und Britta hielten jeder eine Eierschachtel mit jeweils zehn Eiern. „Das reicht für uns fünf ganz locker!“ warf Inge in die Runde, "Du hattest doch sicher keine Zeit mehr um noch in den Supermarkt zu düsen. Wirst sehen, die anderen, wenn´s dann losgeht, haben sich auch in Fünfer-Formationen zusammengeschlossen. So jedenfalls hab ich es organisiert."

„DU hast das organisiert Inge?“ fragte ich etwas überrascht. „Ja klar, sagte ich dir das denn nicht? Es ist bereits mein dritter Flashmob den ich organisiere – toll was?“
„Ja toll Inge! Und was macht deine Diplomarbeit? Forcierst du die auch mit solcher Inbrunst?“ Inge rollte mit den Augen. „Na jedenfalls“ fuhr ich fort, „Zeit für den Supermarkt war wirklich nicht, aber ich habe ja einen Kühlschrank.“ Ich kramte aus dem Rucksack eine Zehnereierschachtel hervor. Inge grinste. „Na super Fred, dann brauchen wir ja nicht sparen und können die 17 Sekunden Vollgas geben.“ Ja, Inge war die Vorfreude bereits deutlich anzusehen, sie zappelte zunehmend nervöser herum und fummelte die ganze Zeit an ihrer Trillerpfeife, die ihr an einem neongrünen Band um den Hals hing. Sie schaute auch ständig im Kreis herum, anscheinend kannte sie ihre Pappenheimer und wusste genau wo sie standen. „Jetzt paß mal auf Fred, gleich geht die Schose los – nur noch eine Minute.“ Klaus und Britta zählten die letzten zehn Sekunden im Countdown runter, dann pfiff Inge in die Trillerpfeife, ihr Gesicht wurde dabei rot wie eine Paradeiser. Hoffentlich platzt sie nicht, dachte ich noch so bei mir, als aus einigen Seitengassen plötzlich Leute mit Eierschachteln auf uns zu stürmten. Mir blieb der Mund offen stehen. Wie von Sinnen warfen etwa Siebzig Leute in Summe wie blöd rohe Eier in die Luft. Aus einiger Entfernung konnte ich eine Typin erkennen, die das Ganze auch noch filmte.

Inge sah dabei auf eine Stoppuhr und zählte: „...,Zwölf, Dreizehn, Vierzehn, Fünfzehn, Sechzehn,...“

Ich erinnerte mich an die 17 Sekunden von denen Inge sprach und sah zu Klaus, Britta und Sven rüber die alle ihre Eier bereits geschmissen hatten. Ich stand noch da mit meiner vollen Schachtel. Inge macht mich sicher zur Sau und stempelt mich als Spielverderber und Verräter an der Revolution ab, wenn ich nichts tue. Also was soll´s dachte ich und warf mit einem Schwung alle Eier aus der Schachtel.

„Siebzehn!“ Inge pfiff wieder in die Trillerpfeife und alle stürmten wie von der Tarantel gestochen auf und davon, verschwanden in Seitengassen oder rannten die Kärntnerstraße entlang.

Meine Ladung Eier war noch in der Luft und als ich mich umdrehte, weil ich sie im hohen Bogen nach hinten übern Kopf warf – da kamen zwei Uniformierte mit einem durchaus nicht ungemütlichen Tempo auf mich zu. Ich sah noch, wie die Eier exakt Kurs auf die Beamten nahmen, als einer von ihnen rief: „He ihr da, stehen bleiben!“ Inge und Britta standen noch bei mir, der Rest war schon längst über alle Berge. Dann detonierten die Eier auf den Uniformen der Polizisten.


Fortsetzung folgt...

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Montag, 07. Dezember 2009

Gefangen im Flashmob


Denken wir doch einfach mal zurück. Denken wir doch einfach mal wieder zurück an die gute alte Zeit, an die Zeit als Flashmobs noch Flashmobs waren. An diese Zeit denken wir wahrlich gerne zurück. Man war damals noch unter sich. Alles war neu, geheim und extrem hipp. Nur Wenige außerhalb der Flashmobberszene wussten überhaupt, dass dies alles gewollt und organisiert war. Ich kann mich noch genau an meinen ersten Flashmob erinnern. Ich saß gerade an meiner Diplomarbeit über „Föderalistische Tendenzen und unilaterale Ziele im Kontext der Neoliberalen Welle am Beginn des 18 Jahrhunderts.“ Es war Frühlingsbeginn und ich saß einfach nur so da an meinem Schreibtisch, starrte aus dem Fenster und hatte an dem Tag bereits eine halbe Seite geschrieben. Ein Vogel draußen am Baum hüpfte beschwingt von Ast zu Ast, drehte auf manchem Ast eine Pirouette, trällerte mal eine Plattitüde und mal stimmte er ein fröhlich Liedchen an. An diesem Tag war er so beschwingt, dass ich bei seinem Singsang unwillkürlich mit dem Fuß mitwippen musste – unbewusst natürlich. Das Überich hatte die Kontrolle über meine Effektorsynapsen gewonnen – denn, dass plötzlich elektrische Impulse meinen Fuß zum wippen anregten war die unmittelbare Konsequenz meiner Vorstellung, wie schön das Leben doch als Vogel wäre. Man könnte den lieben langen Tag in der Gegend rumfliegen, Lieder singen und Pirouetten drehen. Ja, wahrlich – es war Frühling. Unerwartet läutete mein Mobiltelephon. „Nanu!!??!“ dachte ich, wer kann das denn sein, sonst ruft mich doch auch kein Schwein an. Ich war ziemlich erschrocken und brauchte eine Weile bis ich zum Handy griff. >Unbekannte Nummer< , stand am Display. „Na toll.“ dachte ich, das auch noch. Ich wurde nervös, ging im Zimmer auf und ab. Immer noch läutete das Handy. Ich war knapp davor, das Fenster zu öffnen und laut nach der Polizei zu rufen, als der Anruf wieder verstummte. „Gott sei Dank!“ dachte ich so bei mir, ging dieser Kelch an mir vorüber. Ich war gerade im Begriff mich wieder auf den Text meiner Diplomarbeit zu konzentrieren, da hüpfte der Vogel vom Baum direkt auf mein Fensterbrett und drehte eine Pirouette nach der anderen. „Mensch! Das dem dabei nicht schwindlig wird.“ dachte ich noch so bei mir, als erneut das Handy klingelte. >Inge< , stand diesmal am Display. „Na du Rübezahl, immer noch deine alte Paranoia?“ lachte sie ins Telephon. „Du musst sofort auf die Kärntnerstraße Höhe Skybar kommen, in einer Stunde geht´s los.“ Inge war also der anonyme Anruf zuvor, diese Schnecke musste mir immer wieder einen vor den Latz knallen. „Ich arbeite gerade an meiner Diplomarbeit Schneckchen, was könnte so wichtig sein, um jetzt noch in die Stadt zu fahren.“
„Mach hier keinen auf Landei.“ polterte Inge drauflos. „Heute ist Flashmob – wir werfen im Kollektiv rohe Eier in die Luft, exakt 17 Sekunden lang, so viele du werfen kannst – das fährt so ab Alter, da schnallst dich besser gleich an.“
„Was zum Teufel ist ein Flashmob?“ antwortete ich etwas ratlos. Aber Inge hatte oft die besseren Antworten, die besseren Argumente und so fuhr ich also los, auf meinen ersten Flashmob.


Fortsetzung folgt...

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