"Ein guter Hahn kräht überall"
(aus Sizilien)
Man darf ja ruhig mit den vielen unterschiedlichen Sichtweisen zur aktuellen Bestellung des neuen EU Kommissars kritisch einhergehen, von einer Provinzposse wie Voggenhuber meint, kann man allerdings nicht sprechen. Österreich ist keine Provinz, Voggenhuber täte gut daran Geschichte zu lernen. Das wahre Dilemma bei dieser Bestellung jedoch sind die Medien und die Leute. Erbärmlich gebärdend, tummeln sich irgendwelche Witzfiguren z.b. am Nationalfeiertag im neuem EU Haus in der Wipplingerstraße 35 (ehemalige ÖGB Zentrale) um dann repräsentativ als Herr und Frau Österreicher ihre Meinung in ein ORF Mikrofon zu rülpsen. Wie sehr man sich doch schämt für dieses Land, wie obszön und peinlich diese Bestellung doch in Wahrheit ist, und so weiter. Die Wahrheit ist, der Umgang seitens der Medien mit den Regierenden ist von einer unerträglichen Respektlosigkeit gezeichnet, dass es so scheint, als ob in diesem Lande nur noch Meinungen irgendwelcher dahergelaufenen Witzfiguren, die sich um ein EU Kapperl im EU Haus anstellen, die österreichische Meinung zu den Dingen repräsentiere. Wenn dann auch noch im ZIB 2 Interview die Moderatorin den Kanzler mit einer unverschämten Penetranz ständig unterbricht und selbiger darum kämpfen muss, seine Sichtweise zu artikulieren – dann, ja dann liebe Landsleute ist was faul im Staate. Aber lassen wir das hinter uns. Viel wichtiger ist doch, dass endlich ein EU Kommissar gefunden wurde und viel entscheidender wird nun sein, welches Aufgabengebiet ihm zugeschanzt wird. Das auf den heimischen Unis gerade alles kollabiert und die jungen Menschen wie wildes Getier im legendären Audi Max hausen, scheint in Anbetracht der Koalitionären Einigung zweitrangig. Die Kommission Barroso stellt 27 Ressorts mit 27 Kommissaren – aus jedem Land ein Kommissar. Das obwohl nach dem Vertrag von Nizza die neue Kommission verkleinert werden soll. Der Vertrag von Lissabon sieht diese Verkleinerung nicht mehr vor und die Bestellung der neuen Kommission greift genau genommmen der fehlenden Unterschrift des tschechischen Präsidenten vor. Rechtens ist es nicht, doch für Barrosso ist der Vertrag von Lissabon praktisch schon in Kraft. Eine weitere Ungereimtheit hinterlässt eine schwer beschädigte Benita Ferrero-Waldner, die mehr Sympathien bei den Sozialdemokraten erwirken konnte als in der eigenen Partei. Doch die Wesentliche aller Ungereimtheiten, die sozusagen komplett untergegangen ist: warum stellt die ÖVP, nach 2 mal Franz Fischler unter Vranitzky IV in der Kommission Santer (1995 – 1999) und unter Klima in der Kommission Prodi (1999 -2004), nun zum dritten Mal unter einem roten Kanzler den EU Kommissar ? Vielleicht hat das etwas mit dem Selbstbewusstsein der Sozialdemokraten zu tun. Man erkennt es oft an Details, wie etwa in der Grundsatzrede des Vizekanzlers vor zwei Wochen unter dem Motto: „Projekt Österreich“ – Die Zeit. Das Ziel. Die Chance. Erkennbar war eines sofort: geschliffenes Marketing kombiniert mit einem perfekt inszenierten Auftritt, der eigentlich nur eines vermitteln sollte: Pröll ist der eigentliche Chef. Das Problem dabei ist allerdings ein wenig diffiziler. Erstens ist Österreich kein Projekt, sondern ein Staat, eine Republik. Man erinnere sich nur an den dümmlichen Ausspruch des ehemaligen Finanzministers Grasser, der seinerzeit sinngemäß meinte, ein Staat müsse prinzipiell wie ein Unternehmen geführt werden und auch so wirtschaften. Wohin ihn diese Geisteshaltung letztlich geführt hat, lässt sich in den Zeitungen nachlesen. Merksatz also, für unsere jungen LeserInnen:
Österreich ist kein Projekt, kein Unternehmen und keine Provinz.
Österreich ist ein Staat und eine Republik.
Es ist leider sehr bedauerlich, daß immer wieder hochrangige Politiker auf legalen Weg versuchen, die Bevölkerung mit Irrlehren zu entgeistern. Der Nächste geht her und behauptet, Österreich ist ein Theaterstück von Thomas Bernhard oder ein Obst. Für eine Zeitung muss es ja auch schon herhalten. Man erinnere sich nur an Dr. Jörg Haider, der einmal behauptete Österreich sei eine Missgeburt. Eine Schande sind diese eruptiven semantischen Vergewaltigungen allemal. Was Österreich wirklich braucht, ist ein allumfassender Markenschutz - in etwa so:
Öster®reich
Und zweitens, und hier meine ich liegt der Hase im Pfeffer bei den Schwarzen. Der Nachhall der Schüsselära, die neuesten Wahlerfolge, die Krise und die schwache europäische Sozialdemokratie machen die ÖVP glauben, die No. 1 im Land zu sein. Doch das nur, weil die Leute dumm sind und die Schose nicht erkennen, bzw. nicht erkennen wollen. Viel neues gab es nämlich nicht zu hören bei Prölls Grundsatzrede. Mit Sparen alleine, lässt sich kein Staat machen. Viel Neues, sehr viel Neues hätte die Sozialdemokratie in ihren Schubladen, wenn sie nur endlich die alten Dogmen loslässt und wieder dort Stärke beweist, wo ihre Stärke liegt: in der Gesellschaftspolitik. Man traut sich nur noch nicht, alte lähmenden marxistische Grundlagen über Bord zu werfen und eine Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts zu entwerfen. Wenn wir uns nach dem verunglückten ersten Teil des Slogans „Projekt Österreich“ aber die andere Hälfte des Slogans ansehen: Die Zeit. Das Ziel. Die Chance. Erkennen wir rasch, dass es sich seitens Prölls um eine Weckruf an die Sozialdemokratie gehandelt hat. Reden wir doch nicht immer darüber welche Gruppe die Tarifverhandlungen takten soll, welche Gruppe Schrittmacher in der Lohnerhöhung sein soll. Reden wir doch endlich über die Zeit und ihre Chancen. Reden wir über Ziele. Ein wichtiges Ziel jeder Gesellschaft muss lauten: Illusionen jeder Art zu verhindern und zu beenden. Illusionen, ob sie nun politisch gezüchtet, gesellschaftlich gewachsen oder zivilisatorisch entstanden sind, gibt es mannigfaltig. Wenn wir über die Zeit reden, fällt mir ein Zitat von Helmut Schmidt ein:
"Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen."
Und wenn wir über Chancen reden, so bleiben wir doch bitte beim Kern der Gesellschaft, bei den Familien. Was in den Jahren ab 2000 in Österreich allein beim Thema Kindergeld experimentiert wurde, auf Kosten vieler tausender Familien ist eine Farce und wird nur noch vom Thema Pensionen übertroffen. Wieso nimmt man nicht endgültig zur Kenntnis, dass wir diese zwei Themenkomplexe in Zukunft nur miteinander optimieren können. Ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf in dieser Thematik, würde für die SPÖ ein Zurück in die Familienpolitik bedeuten. Es würde auch für viele enttäuschte Sozialdemokraten die lang ersehnte ausgestreckte Hand bedeuten – die Menschen wieder ernst nehmen in ihren Sorgen und Nöten, die Phrasendrescherei beenden und Aufbruch zu neuen Horizonten. Das wünscht man sich so oft von die SPÖ.
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