Philosophie aus dem Narrenturm
„Ich werde das Thema meiner Diplomarbeit ändern.“ nuschelte ich. Da saßen wir also im Schneidersitz auf weichem Kunststoffbelag. Es erinnerte mich von der Festigkeit her irgendwie an die Turnmatten aus der Schulzeit. Farblich war es aber weit entfernt von dem unaufgeregten, blasstürkisen Turnmattengrün. Alles war in steriles Weiß getaucht und grelles, kaltweißes Neonlicht schweißte uns tiefe Furchen ins Bewusstsein.
Die weißen Zwangsjacken in denen wir drinsteckten erinnerten an Judojacken mit Überarmlängen die am Rücken zusammengebunden waren. Natürlich waren es aber keine Judojacken. Für alles gab es bereits einen Markt und bei unserer Einkleidung konnten wir aus acht verschiedenen Modellen wählen. Da war selbst Inge baff und konnte sich lange nicht entscheiden. Britta meinte nur, ob wir schon völlig irre wären – da alle Jacken exakt auf die Naht identisch wären. Ihrer Meinung nach gab es nur eine Jacke. Die Wahrheit lag bekanntlich in der Mitte und so nahm ich einfach die nächstbeste Jacke. Ob es wirklich verschiedene Modelle waren konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Da waren so viele Finessen auf den Jacken zu finden und Inge glaubte unseren Betreuern jedes Wort. Sie bewegte sich im Einkleidebereich wie in einer Boutique. Na gut, Inge war schon immer etwas seltsam und eitel und wollte mir selbst in einer Zwangsjacke gefallen.
Man setzte uns in der Zelle in eine Dreiecksposition. Britta saß gleich neben der Türe, die wie alles andere auch gut und weich gepolstert war. Inge saß auf gleicher Wandlinie im anderen Eck. Ich saß den zweien in der Mitte genau gegenüber und hatte sozusagen eine Wand für mich alleine.
„Und was wird dein neues Thema sein?“ fragte Inge.
„Ich will´s nicht wissen! Ich will es um Himmelswillen nicht wissen! Er soll sein Thema für sich behalten, mich interessiert gar nix mehr von diesen Deppen – nix, nix, nix.“ Britta schäumte förmlich. Ihre Wut konzentrierte sich ausschließlich auf meine Person, obwohl sie ja rechtzeitig weglaufen hätte können. Inge war für sie sowieso unantastbar, da sie noch kein einziges Schachspiel gegen sie gewinnen konnte und für sie eine Art Ikone der Revolution war, eine Jeanne d’Arc des Freesets.
„Mich nervt die Britta schon ein wenig mit ihrem behinderten Gehabe, kannst Du das nicht irgendwie abstellen bei ihr?“
„Wieso bist du denn nicht einfach rechtzeitig weggelaufen?“ fragte Inge.
„Ich hab die Bullen zu spät gesehen, er stand ja im Bild, die kamen ja genau hinter seinem Rücken angekrabbelt. Wieso hast du diesen Deppen nicht einfach daheim bei seiner Diplomarbeit lassen können? Jetzt ändert er auch noch sein Thema wegen dir.“
„Du änderst dein Thema wegen mir, Fred?“ staunte Inge zu mir rüber.
„Ja was sich diese Behinderte eben so zusammenspinnt, wieso sollte ich das Thema wegen dir ändern?“
„Nenn mich nicht Behinderte du vertrottelter Sauprolo, du Schneckendepp du blöder.“ brüllte Britta, spuckte dabei, hüpfte im Schneidersitz herum und riß in ihrer Zwangsjacke herum, als ob sie sich in Befreiungskunst üben wolle. Dann passierte es. Sie fiel links über auf die Seite und lag nun mit dem Gesicht auf der Matte. Damit verschwand Inge aus ihrem Blickfeld und sie konnte mich nun aus einer quasi Froschperspektive betrachten. Mir war das schrecklich unangenehm und rechnete mit dem Schlimmsten.
„Die rappelt sich schon wieder in den Schneidersitz, keine Panik Fred! Sie ist nicht so ungelenkig wie sie aussieht.“
„Was soll das nun wieder heißen Inge? Spinnst du? Ich bin tausendmal sportlicher als du.“
„Was soll das nun wieder heißen Inge? Spinnst du? Ich bin tausendmal sportlicher als du.“
„Aber nicht im Schach, Liebste.“ Britta verstummte für eine Weile und blieb liegen. Ich war sicher, sie würde nur Kraft sammeln um sich dann mit einem Satz wieder zurück in den Schneidersitz zu befördern. Ich beschloss, nichts mehr über meine Diplomarbeit zu erwähnen um Britta nicht noch weiter in Rage zu bringen.
„Manchmal erstaunst du mich Fred, manchmal bist du mir nur noch ein Rätsel.“ grinste Inge.
„Du kapierst es nicht, oder? Es hat nicht das Geringste mit dir zu tun!“
„Aber das sagen sie doch immer alle.“ antwortete Inge und grinste weiter.
Ja es war nicht leicht mit Inge und Britta. Trotzdem war ich froh, dass wir Zwangsjacken anhatten. Nicht auszudenken, was alles passieren hätte können. Britta gelang es schließlich nach einigen Anläufen und unter enormen Anstrengungen sich wieder in die alte Position des Schneidersitzes zu befördern. Dann referierte sie uns, was für eine Heldin sie doch sei, dass sie hier mit uns diese Nummer schiebt und sie werde es nun sein, die ihr Diplomarbeitsthema ändern wird. Britta war Studentin der Kunstgeschichte und ich traute mich nicht zu fragen, ob das was mit uns und der Gummizelle zu tun hatte.
Ja es war nicht leicht mit Inge und Britta. Trotzdem war ich froh, dass wir Zwangsjacken anhatten. Nicht auszudenken, was alles passieren hätte können. Britta gelang es schließlich nach einigen Anläufen und unter enormen Anstrengungen sich wieder in die alte Position des Schneidersitzes zu befördern. Dann referierte sie uns, was für eine Heldin sie doch sei, dass sie hier mit uns diese Nummer schiebt und sie werde es nun sein, die ihr Diplomarbeitsthema ändern wird. Britta war Studentin der Kunstgeschichte und ich traute mich nicht zu fragen, ob das was mit uns und der Gummizelle zu tun hatte.
„Hat das was mit uns und der Gummizelle zu tun, dass du nun auch dein Thema änderst?“ Inge war wie üblich nicht auf den Mund gefallen und wollte immer alles genau wissen.
„Wieso sollte das etwas mit dir und dieser Pappnase zu tun haben? Wahrscheinlich wäre es mir auch so eingefallen.“
„Natürlich!“ seufzte ich und sah dabei demonstrativ nach oben, tat ein wenig auf gelangweilt als ich den Blick wieder auf Inge richtete.
„Klar wäre ihr alles auch einfach so eingefallen.“ Inge erwiderte meinen Blick und musste laut lachen.
Inges Lachen war schon immer ansteckender als Tropenfieber und so lachte ich mit. Eine Weile später mündete unser Lachen in einen Lachkrampf, wir konnten nicht mehr aufhören. Schuld dran war Britta, die einfach nicht mitlachen konnte. Jedes Mal wenn Inge oder ich zu Britta rübersahen, die mit stocksteifer, todernster Mine in ihrer Zwangsjacke dasaß und gegen die Wand starrte, begrub uns eine neuerliche Lachwelle. Bauchschmerzen machten sich schon breit, doch ich konnte nicht aufhören.
Nach einer Weile kämpfte auch Inge gegen die Bauchschmerzen an und stöhnte immer wieder ein „Aus jetzt!“ Wir kämpften jetzt gemeinsam, starrten nach oben an die Decke und erfuhren beim ersten Mal Decke anstarren eine bittere Niederlage. Denn selbst die Decke war weich ausgepolstert und aus Gummi. Inge und ich hatten den gleichen Gedanken, exakt zur selben Zeit und brüllten los:
„DIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEE DEEEEEECKE ISSSS AUCH AUS GUUUUUUUUUUUUUUUUMMMI“
Wir brachen beide zur Seite weg und wuzelten uns, zappelten wie unter Elektroschocks und lachten mit zunehmenden Bauchschmerzen. Es wurde ziemlich laut in der Zelle, ein Wärter sah durch éine Luke und man konnte deutlich hören wie er zu seinem Kollegen sagte:
„Sie gehen gerade durch die Eröffnungsphase.“
Das genügte uns. Das war vielleicht der Hammer. Eröffnungsphase, allein das Wort und die gepolsterte Decke schüttelte uns weitere zehn Minuten im Lachkrampf. Bald dominierten uns aber die Bauchschmerzen. Das Lachen wurde sanfter, wir vermieden es zu Britta rüberzusehen, hielten immer wieder die Luft an, schlossen die Augen, versuchten langsam und tief zu atmen. Mit Mühe richteten wir uns wieder in den Schneidersitz zurück. Ich weiß nicht mehr wie lange wir gelacht haben, aber es war eine bedeutende Zeitspanne. Auf den Lachkrampf folgte eine Zeit der Stille, wir waren alle wieder gefasst und brauchten ein Thema.
„Ach komm Britta, verrat uns doch dein neues Diplomarbeitsthema.“ prustete es aus Inge hervor. Sie tat sich noch recht schwer beim sprechen und ihre Augen waren knallrot. Ich musste wieder gegen das Lachen kämpfen. Der Blick von Britta war einfach zu viel. Irgendwie sah sie aus wie eine Ente die im Eis eingefroren war. „Was ist mit deiner Diplomarbeit Inge? Bleibt da alles beim alten? Wie weit bist du schon?“ Inge studierte Philosophie, im 17. Semester - oder 117ten, so genau wußte man das bei ihr nie. Sie war ein klein wenig älter als Britta und ich und studierte Philospohie aber nur gezwungener Maßen, wie sie immer wieder betonte. Eigentlich wollte sie immer schon in der Lippenstiftabteilung beim Gerngross arbeiten, im Foyer – Erdgeschoss. Ein Traum hatte sie in jungen Jahren dazu genötigt, beichtete sie uns einmal. Ok, sie war damals schwer betrunken, als sie uns davon in Kenntnis setzte, aber Tags drauf als wir sie darauf ansprachen, bestätigte sie alles als wahr und richtig. Den Traum selbst verriet sie uns allerdings nie. Im betrunkenen Zustand stammelte sie nur etwas von einem Engel, der ihr diese Mission auferlegte, unter Androhungen schwerster Sanktionen, würde sie etwas anderes studieren.
„Nein, mein Thema bleibt gleich, da ändert sich gar nix.“
„Und willst du uns nicht mal dein Thema verraten, ich finde jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür.“
„Nein Britta, da es sich um eine neue Philosophieströmung, eine völlig neue Denkschule handelt, wäre ich ja schwer verblödet, euch hier nun alles zu erzählen. Damit ihr nach dieser Nacht aus dem Narrenturm rausgeht und meine Idee an der nächsten Ecke für eine Burenwurst verkaufts. Sicher nicht! Gar nix werde ich erzählen.“
„Nein Britta, da es sich um eine neue Philosophieströmung, eine völlig neue Denkschule handelt, wäre ich ja schwer verblödet, euch hier nun alles zu erzählen. Damit ihr nach dieser Nacht aus dem Narrenturm rausgeht und meine Idee an der nächsten Ecke für eine Burenwurst verkaufts. Sicher nicht! Gar nix werde ich erzählen.“
„Mensch Inge.“ räumte ich ein.
„Vertraust du uns denn nicht? Erzähl uns eben nur a bissal was.“
Fortsetzung folgt...
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