Nietzsches Tannenbaum
Es wäre fatal und unverantwortlich, wenn wir dem Zweifel keinen Platz einräumen. Gerade zu Weihnachten liegt es in unserer Macht, die Dinge neu zu bewerten, neu zu gewichten und die Welt in ihrer Täuschung zu erkennen. Alle Jahre wieder. Ein Christ soll alles Weltliche, die Täuschung und die Irrungen überwinden. Ein Christ soll zu Weihnachten mittels seines Glaubens zur Wahrheit durchbrechen und das Gottesreich erahnen, für das unser Erlöser am Kreuz gestorben ist. Gelingt uns das aber?
Wohl kaum, eher zelebrieren wir einen verzweifelten Kampf uns für einige Stunden, Tage und Wochen eine heile Welt vorzugaukeln und die Welt in ihrer Niedertracht für die Zeit der Weihnacht vergessen zu machen. Wir versuchen immerfort, die Welt zu heilen, die Welt zu retten und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Doch die Welt ist nicht zu retten.
„Welt ging verloren“, heißt es gleich in der ersten Strophe von O Du Fröhliche, O Du Selige.
Der Sinn von Weihnachten ist es aber, uns vom Weltlichen zu befreien, uns von den Täuschungen, Irrungen und Illusionen zu lösen und uns ins Licht der Wahrheit zu verrücken. Doch niemals wollen wir loslassen von dieser Welt. Alles Weltliche erscheint uns so echt, fassbar und erfahrbar. Ein starker und heißer Kaffee an einem kalten, eisigen Wintermorgen – eine ehrliche, selbstgewuzelte Zigarette mit frischen, echten Tabak – der nächste Kinobesuch in 3D, all das scheint uns rettenswert. All das erscheint uns gut, ehrlich und richtig – weit entfernt vom christlichen Vorwurf der weltlichen Täuschung. Bevor wir hier loslassen, trinken wir eben Fairtrade Kaffee, rauchen Fairtrade Tabak und sehen Fairtrade Kino. Ein jeder liebt seine eigene kleine Welt und hält dran fest. Lieber wollen wir doch die Welt retten und im Erlöser den Retter der Welt erkennen, damit brauchen wir uns alle nicht entweltlichen und können quasi beides haben. Die Welt und Gott. Deswegen basteln wir uns alle Jahre wieder unsere eigene kleine heile Welt.
Die heile Welt zu Weihnachten findet aber nicht nur nirgendwo statt, sie existiert auch nicht – glücklich jene Geister, die diese Wahrheit auf ihre Fahnen heften und keinerlei Bedürfnis hegen, eine heile Welt erfinden zu müssen.
Weihnachten, das Geburtstagsfest unseres Herrn und Heiland ohne den Zweifel an ihn zu zelebrieren, wäre schlichtweg unehrlich. Der Zweifel ist menschlich – der Glaube aber ist göttlich. Beides wohnt in jedem Menschen, sowohl göttliches wie auch allzumenschliches. Einer allerdings, so will es die Überlieferung, einer jedenfalls so will es die Religion, einer jedenfalls – so will es das Christentum, ist in seiner Menschwerdung Gott geworden. Jesus Christus der Erlöser.
Dieser Gott aber, hat unseren Zweifel verdient. Denn der Zweifel plagt uns nämlich über alle Maße. Er brodelt im Überfluss und durchdringt unsere gesättigte Wohlstandsgesellschaft wie Regen eine billige Jacke. Wir sind geradezu besessen vom Zweifel und vom Unglauben, dass wir die Geburtsstunde der Wahrheit wie ein Brechmittel verkaufen und verunglimpfen. Wir schmücken unsere Landschaften mit Lichterketten und sehen nicht, dass sich dieses Licht wie Erbrochenes über unsere Gemüter legt. Mit dem Strom der zu Weihnachten weltweit für den Weihnachtslichterschmuck vergeudet wird, könnten wir jedes Jahr das Weltklima retten. Jedes Jahr. Doch wir tun es nicht. Jedes Jahr haben wir die Chance Weihnachten zu feiern, doch wir tun es nicht. Immerzu feiern wir Gott ist tot. In Wahrheit steht in allen Wohnzimmer Nietzsches Tannenbaum, der uns daran erinnert soll. Dieser Gott, dieser Jesus ist uns in Wahrheit irgendwann abhanden gekommen.
Blicken wir nun also zurück auf ein Jahrzehnt, dann ragt ein Ereignis heraus wie kein anderes, der 11. September 2001 – als alles begonnen hat.
Heute erscheint es uns beinahe wie der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Kein Retter ward geboren und kein Stern ist ihm gefolgt. Der Zweifel des Christentums ist manifest geworden, der Zweifel der Christenheit hat einen Namen bekommen:
Ground Zero
Gehen wir diesem Zweifel aber auf den Grund, erkennen wir unsere eigene geplagte Leidensgeschichte des Glaubens. Wie lange sind uns die absurdesten Dinge im Namen des Glaubens eingetrichtert worden, wie lange hat das Christentum mit Schwert und Kanone die Welt verwüstet und in ein Schlachtfeld verwandelt – nur um der Wahrheit Willen.
Wenn uns nur lange genug etwas eingeredet wird, glauben wir es am Ende zu einer hohen Wahrscheinlichkeit auch. Wenn man uns ab heute einreden würde, wir sollten uns am heiligen Abend vor dem Christbaum im Kreise der Familie in die Luft sprengen, um danach ins Paradies einzugehen, wir würden es irgendwann tun. Wenn das amtlich in Gottesdiensten gepredigt würde und religionstechnisch mit allen Schikanen fett unterstrichen wäre, irgendeiner würde damit beginnen und andere würden folgen. Wenn dann noch Postkarten aus dem Paradies kämen – wie toll dort alles sei und wie wenig man dort vermisst, wenn noch das Fernsehen mitfilmen oder auf youtube die ersten christlichen Heilig Abend Sprengungen auftauchen würden – eine Welle würde entstehen und am Ende – irgendwann, viele Jahre später, würde der letzte Christbaum mit dem letzten Christen auf die letzte Sprengung warten. Das alles ist aber natürlich Bullshit, denn das Christentum hat überwunden.
Würden jetzt aber die Weihnachtsgegner und Christenverfolger, alle Sauluse, Nietzsches, alle Kommunisten und Atheisten aller Länder sich vereinen und sich für die Abschaffung von Weihnachten vorm Christbaum in die Luft sprengen – alles würde genauso laufen. Wieder kämen Ansichtskarten from paradise – und sie alle hätten Recht gehabt, es gäbe gar kein Paradies und so weiter – es wäre alles viel besser. Und auch das ist wieder Bullshit, denn das Christentum hat überwunden.
Wir können es drehen wie wir wollen und darin liegt das Problem. Die Wahrheit war immer schon von Anfang an subjektiv. Heute ist die Wahrheit das Geschäft der Geschäfte. Nicht mal das größte Geschäft der Welt, der Krieg – kann hier noch mit. Die Wahrheit ist alles. Wir spekulieren damit, wir richten damit, wir schaffen Wissen damit. Die Wahrheit ist nach Meinung vieler subjektiver Wahrnehmungen – zum Objekt der Begierde geworden: zum Mammon. Das Problem verschärft sich, sobald wir uns fragen, ob Ground Zero eine Wahrheit ist. Was, wenn uns irgendwann einmal alle Bilder dazu abhanden kommen, wird es dann objektiv wahr bleiben – über Jahrhunderte, Jahrtausende? Ja, Ground Zero ist eine objektive Wahrheit. Doch nur wenige waren dabei. So war und bleibt es immer. Immer sind nur wenige dabei gewesen. Als der Herr in reinlichen Windeln lag und die Weisen aus dem Morgenland seinem Stern folgten – waren wir da alle dabei? Der Zweifel ist also auch Wahrheit – objektiv oder subjektiv – wer soll uns das sagen. Wie viele werden also dabei sein, wenn die letzte Wahrheit die Weltenbühne betritt um uns ein letztes Mal vom ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis zu erzählen.
Doch bis dahin, wird Nietzsches letzter Tannenbaum längst gefällt sein...





























