Dienstag, 08. Dezember 2009

Mitgefangen - Mitgehangen

Da standen sie also, mitten auf der Kärntnerstraße. Ich sah Inge schon von weiten mit ihrer neongelben Zipfelmütze und ihren Pop Rocky Schuhen. Mit ihr standen noch drei weitere Gestalten herum, die sich bei der Begrüßung als Britta, Sven und Klaus vorstellten - Schachklubfreunde von Inge. Nach ihren theoretischen Ausführungen am Telefon über Flashmobs, erwartete ich mir aber eine entschieden größere Gruppe. „Kommen noch mehr?“ fragte ich dann in die Runde. „Klar doch, wirst schon sehen wie das funktioniert – wir können uns ja nicht schon stundenlang vorher in der Gruppe definieren, das wäre ja sonst eine öffentliche Versammlung, ein Menschenauflauf und so – ein Flashmob funktioniert ja ganz anders, wart´s einfach ab.“ Naja dachte ich so bei mir, Inges Wort in Gottes Ohr. Klaus und Britta hielten jeder eine Eierschachtel mit jeweils zehn Eiern. „Das reicht für uns fünf ganz locker!“ warf Inge in die Runde, "Du hattest doch sicher keine Zeit mehr um noch in den Supermarkt zu düsen. Wirst sehen, die anderen, wenn´s dann losgeht, haben sich auch in Fünfer-Formationen zusammengeschlossen. So jedenfalls hab ich es organisiert."

„DU hast das organisiert Inge?“ fragte ich etwas überrascht. „Ja klar, sagte ich dir das denn nicht? Es ist bereits mein dritter Flashmob den ich organisiere – toll was?“
„Ja toll Inge! Und was macht deine Diplomarbeit? Forcierst du die auch mit solcher Inbrunst?“ Inge rollte mit den Augen. „Na jedenfalls“ fuhr ich fort, „Zeit für den Supermarkt war wirklich nicht, aber ich habe ja einen Kühlschrank.“ Ich kramte aus dem Rucksack eine Zehnereierschachtel hervor. Inge grinste. „Na super Fred, dann brauchen wir ja nicht sparen und können die 17 Sekunden Vollgas geben.“ Ja, Inge war die Vorfreude bereits deutlich anzusehen, sie zappelte zunehmend nervöser herum und fummelte die ganze Zeit an ihrer Trillerpfeife, die ihr an einem neongrünen Band um den Hals hing. Sie schaute auch ständig im Kreis herum, anscheinend kannte sie ihre Pappenheimer und wusste genau wo sie standen. „Jetzt paß mal auf Fred, gleich geht die Schose los – nur noch eine Minute.“ Klaus und Britta zählten die letzten zehn Sekunden im Countdown runter, dann pfiff Inge in die Trillerpfeife, ihr Gesicht wurde dabei rot wie eine Paradeiser. Hoffentlich platzt sie nicht, dachte ich noch so bei mir, als aus einigen Seitengassen plötzlich Leute mit Eierschachteln auf uns zu stürmten. Mir blieb der Mund offen stehen. Wie von Sinnen warfen etwa Siebzig Leute in Summe wie blöd rohe Eier in die Luft. Aus einiger Entfernung konnte ich eine Typin erkennen, die das Ganze auch noch filmte.

Inge sah dabei auf eine Stoppuhr und zählte: „...,Zwölf, Dreizehn, Vierzehn, Fünfzehn, Sechzehn,...“

Ich erinnerte mich an die 17 Sekunden von denen Inge sprach und sah zu Klaus, Britta und Sven rüber die alle ihre Eier bereits geschmissen hatten. Ich stand noch da mit meiner vollen Schachtel. Inge macht mich sicher zur Sau und stempelt mich als Spielverderber und Verräter an der Revolution ab, wenn ich nichts tue. Also was soll´s dachte ich und warf mit einem Schwung alle Eier aus der Schachtel.

„Siebzehn!“ Inge pfiff wieder in die Trillerpfeife und alle stürmten wie von der Tarantel gestochen auf und davon, verschwanden in Seitengassen oder rannten die Kärntnerstraße entlang.

Meine Ladung Eier war noch in der Luft und als ich mich umdrehte, weil ich sie im hohen Bogen nach hinten übern Kopf warf – da kamen zwei Uniformierte mit einem durchaus nicht ungemütlichen Tempo auf mich zu. Ich sah noch, wie die Eier exakt Kurs auf die Beamten nahmen, als einer von ihnen rief: „He ihr da, stehen bleiben!“ Inge und Britta standen noch bei mir, der Rest war schon längst über alle Berge. Dann detonierten die Eier auf den Uniformen der Polizisten.


Fortsetzung folgt...

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