Freitag, 27. Februar 2009

Die armen Lehrer

Wenn Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer etwas sagt, hat es Gewicht, auch nicht immer, aber diesmal bestimmt. Und Frau Ministerin Schmied sei Dank, sie macht etwas essentiell richtiges: einen Vorstoß, denn das Wichtigste in der Politik ist, dass sie bewegt wird. Ohne rollende Steine, keine Politik. In einer gesunden Demokratie dürfen an allen Ecken und Enden Steine ins rollen gebracht werden, denn daran erkennen wir eine gesunde Demokratie, dass nicht der Stein des Anstoßes die Grechtenfrage aufwirft, sondern der kinetische Folgeprozess, der dadurch in Bewegung kommt. Es ist immer viel schwieriger den Stein ins rollen zu bringen, die potentielle Energie zu überwinden, als den Stein kinetisch in die richtige Richtung zu rollen. Eine gesunde Demokratie, kann auch einen in Turbulenzen geratenen Stein wieder auf sicheren Kurs bringen. Wir müssen uns einfach nur mehr trauen. Jörg Haider wusste das. Gewichtige Politiker vertrauen ihrer Demokratie und lassen sich ganz darin fallen. Ministerin Schmied traute wohl niemand diesen kreativen Schachzug zu. Jetzt rollt der Stein - endlich! Und wir sind ganz tief drin, in der gesellschaftspolitischen Grundwertedebatte und sind nur oft und gerne dazu geneigt, die Dinge vereinfacht und dual durch den Wortwolf zu kurbeln, im guten Glauben, die Dinge vereinfachen sich, wenn wir sie vereinfacht darstellen. Doch oft und gerne steckt die Verführung zum exzentrischen Eiertanz dahinter. Zugegeben, dieser hat in Österreich eine lange Tradition und will auch gepflegt sein, doch in der laufenden ganzheitlichen Bildungsreform, sollte ein exzentrischer Eiertanz tunlichst vermieden werden. Im Klartext - wir befinden uns in einem Dilemma: beide Seiten haben im Argument recht, beide Seiten liegen inhaltlich voll daneben und beide Seiten erliegen dem fatalen Irrtum, der Stein könnte, wenn er an der richtigen Stelle zum stehen kommt, die Weltwirtschaftskrise beenden.

Um das auch unmissverständlich zu klären: Wenn österreichische Lehrer zwei Stunden pro Woche mehr im Klassenzimmer stehen und unterrichten, kann nur eine einzige flankierende Begleitmaßnahme die Weltwirtschaftskrise beenden: Wenn wir alle (die ganze Welt) ganz genau wissen, was in diesen zwei Stunden im Detail unterrichtet wird (was passiert eigentlich wirklich in den Klassenzimmern ?). Zum Beispiel so: jeder Lehrer filmt diese zwei Stunden an Mehrarbeit mit und stellt sie ins Internet. Woche für Woche. Und wir dürfen interaktiv mitentscheiden, was in der nächsten Woche unterrichtet wird. Das würde wahrlich neue Horizonte setzen.

Zum Gleichgewicht der Argumente: Auch wenn es keine Mehrarbeit darstellt, sondern als Umschichtung und Strukturmaßnahme greifen soll, bleibt die Frage berechtigt, warum gerade die Lehrer! Die sind mit den Schülern schon gestraft genug, ich war selber lange Jahre als Schüler in Schulen unterwegs und war bei den Lehrern sehr beliebt. Früh erkannte ich die politische Dimension des Lehrerwesens und verführte sie geschickt zu guten Noten – mit dem unausgesprochenen Versprechen, später als gewichtiger politischer Entscheidungsträger, die Ferien zu verlängern. Das klappte Jahr für Jahr vorzüglich und man gönnte mir einen Schulabschluss. Hoch die Internationale! Und natürlich haben auch die Elternvertretungen recht. Ich habe selber jahrelang Nachhilfe gegeben (ich war jung und brauchte Geld) und kenne die großen Ablenkungen der Jugend. Lieber laufen sie stundenlang durch den Wald, stöbern Ameisenhaufen auf um das Sozialverhalten dieses einzigartigen Völkchen zu studieren, als zuhause vor dem Biologiebuch darüber zu brüten. Und dann finden sie keine Ameisenhaufen mehr, weil es immer weniger Wälder gibt und greifen zu Designerdrogen. Dann müssen die Eltern Nachhilfestunden bezahlen und sind grantig auf die Lehrer, doch die Lehrer haben diese Gesellschaft nicht geschaffen.

Zur Inhaltlichen Kohärenz, die neben dem Thema liegt: Ich war vor einigen Monaten (wie treue Leserinnen wissen) in Pisa. Ich kniete im Gras, in der Wiese vor dem Turm, es nieselte ganz leicht, es waren schreckliche Bedingungen zum photographieren und doch, ich wollte ein gutes Bild schießen. Wie immer war ich in geheimer Mission, im Auftrag des Herrn unterwegs und hatte dennoch keinen Druck bei der Arbeit, ich wusste instinktiv, die Bedingungen sind genau so, wie sie sein sollen. Ich kann mir doch das Wetter nicht aussuchen. Und sehen sie selber, das Photo spricht für sich. Und jetzt legen sie ihre Hand auf´s Herz und fragen sich: wird der Turm wieder gerade, wenn österreichische Lehrer zwei Stunden mehr im Klassenzimmer stehen und unterrichten ? Wahrlich, Wahrlich sich sage Euch: "Auch wenn alle Lehrer, aller Länder, zwei Stunden mehr oder weniger im Klassenzimmer stehen, wenn sie auf einem Bein stehen und oder auch wenn sie schief stehen, der Turm von Pisa wird nicht wieder gerade! Und das ist auch gut so – für Pisa, für Italien, für einfach alles."

Labels: