Nach einer Weile...
Gustav rappelt sich langsam auf, taumelt noch ein wenig konsterniert um seinen Käfig und beginnt seine Chance zu wittern. Freiheit! Der Fußball liegt bewegungslos im Zimmer, die alte Dame ist wie jeden Morgen mit ihrem Gehstock zum Einkaufen unterwegs. Mit einem entschlossenen Satz hüpft Gustav auf´s Fensterbrett, sein Herzerl pumpert wie verrückt. Er guckt nach draußen, alles ist nun direkt in seinem Blickfeld. Kein störender Käfig mehr. Ein Windstoß bringt ihn fast ins wanken, er steigt einen Schritt zurück und holt noch mal tief Luft. „Ja, Ja , Ja – jetzt oder nie, ich muß es wagen“ macht sich Gustav Mut, hebt die Flügeln und schmeißt sich aus dem Fenster. Kein Problem für ihn, er kann ja fliegen, die alte Dame hat ihn oft im Zimmer fliegen lassen. Doch nun ist es doch ein wenig anders als im Zimmer. Der Wind bereitet Gustav einige Schwierigkeiten – er konzentriert sich und schlägt mit den Flügeln, was das Zeug hält. „Nur bis zu den Tauben, bis zu den Tauben muß ich es schaffen“ – entschlossen kämpft Gustav gegen den Wind und trudelt wie ein angeschossenes Flugzeug im ständigen auf und ab Richtung Hausdachkante, Regenrinne, wo die Tauben sitzen. Die Tauben haben ihn bereits bemerkt und beginnen wie verrückt zu gurren. „Hop! Hop! Du schaffst das – ist nicht mehr weit“ hört er aus dem Stimmengewirr der Tauben heraus. Mittlerweile sind alle Tauben aufgestanden und winken mit den Flügeln, hüpfen, rufen und wackeln wie verrückt mit den Köpfen. „Jösas!“ – denkt sich Gustav, „was werden die bloß mit mir anstellen wenn ich bei ihnen auf der Regenrinne sitze – vielleicht sollte ich doch gleich zum Baum der Krähen fliegen“. Doch der ist viel zu weit weg für seine erste Flugakrobatik in Freiheit, das weiß Gustav. Dumm ist er nicht der Gustav. Auf den letzten Flugmetern wird die Begrüßungsfeier der Tauben immer lauter und wilder. Völlig aus dem Häuschen springen sie auf der Dachkante herum und bilden einen offenen Kreis – für Gustavs Landung. „Wahnsinn diese Tauben“ – denkt sich Gustav, „aus der Ferne sehen die immer so verhalten aus“. Gustav ist im Landeanflug, gleich hat er es geschafft – „flatter, flatter rumsbums“ Gustav setzt mitten im Kreis der Tauben auf. Eine perfekte Landung. Gustav steht da und ist erleichtert, froh und ein bißchen stolz auf sich. Die Tauben um ihn herum sind plötzlich ruhig geworden und beginnen nach einer Weil zu applaudieren: „Bravo! Bravo!“ - der Kreis um Gustav rührt sich, alle setzen sich wieder gemütlich auf die Dachkante, die Füße baumeln in der Regenrinne, Gustav sitzt genau in der Mitte. Eine etwas dickere Taube mit flotter Frisur sitzt neben ihm. Es ist Irmgard, sie guckt ihn mit großen Augen an und sagt: „Was bist´n Du für einer ? Von wo bist´n Du ausgebüchst ? Erzähl uns mal alles! - schön der Reihe nach."
Labels: Gustav